Inkontinenz

Was versteht man unter Harninkontinenz?

Unter Harninkontinenz versteht man den unfreiwilligen Verlust von Harn, der Betroffene kann Ort und Zeit der Entleerung nicht bestimmen. Gründe für eine Harninkontinenz können unterschiedlich sein. Meistens funktioniert das System von Blasenmuskulatur, Schließmuskel und Beckenbodenmuskulatur nicht mehr richtig. Inkontinenz resultiert dann, wenn der Verschlussapparat durch Blasenerkrankungen überlastet oder geschädigt ist.

Diese Art von Erkrankung bedarf einer individuellen Versorgung. Mit unserem vielfältigen Sortiment an Einlagen, Vorlagen, Windeln und Pants unterschiedlicher Hersteller können wir individuelle Lösungen abstimmen.
Zu ableitenden Inkontinenzprodukten wie Einmal- und Dauerkatheter, Urinalkondomen, Pessaren und Irrigationen führen wir eine diskrete Beratung im häuslichen Umfeld durch. Eine Schulung und den Umgang mit den Produkten bieten wir als Service an.

Welche Formen der Harninkontinenz gibt es?

Die Internationale Continence Society ((ICS) unterscheidet Harninkontinenz zwischen Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz), Dranginkontinenz, Reflexinkontinenz, Überlaufinkontinenz, Mischharninkontinenz, extraurethraler Inkontinenz und funktioneller Inkontinenz.

Pflegeprozess bei Inkontinenz

Wie läuft der Pflegeprozess ab?

Um die Gesamtsituation einzuschätzen und um Inkontinenz zu identifizieren muss das Instrument zur Erhebung der Anamnese überprüft werden. Die Pflegekraft sollte dem Betroffenen gezielte Fragen zur Inkontinenz in ihre Befragung mit einbeziehen. Dabei sollte auf den unwillkürlichen Harnverlust, wann dieser erfolgt, ob und welche Hilfsmittel verwendet werden und ob häufig starker und nicht unterdrückbarer Harndrang verspürt wird, eingegangen werden.

Was passiert, wenn eine Inkontinenz diagnostiziert wird?

Wird durch die Einschätzung der Gesamtsituation eine Harninkontinenz identifiziert, führt die Pflegekraft gemeinsam mit dem Betroffenen eine differenzierte Anamnese durch. Wichtige Inhalte sind Beschwerden und Probleme, Symptome im Harnbereich, eventuelle Untersuchungen oder Therapien, Belastungen, Operationen, Geburten, verwendete Hilfsmittel, aktuelle Medikation, Trinkverhalten, Entleerung der Blase, Erwartungen an die Therapie, Einfluss auf die Mobilität und Psyche.

Welche Messinstrumente gibt es?

Eine der wichtigsten Messinstrumente sind das Miktionsprotokoll (Blasenentleerungsprotokoll), 24-Stunden-Vorlagentest und der Ein-Stunden Pad-Test.

Das Miktionsprotokoll (Miktion: Entleerung der Harnblase) ist ein hilfreiches Instrument für das Messen und wird mittels zwei verschiedener Wege genutzt.
Zum einen wird das Protokoll zur Aufzeichnung der Flüssigkeitsausscheidungen (mindestens drei bis fünf Tage) verwendet. Eingetragen werden Gewohnheiten der Blasenentleerung, die Menge an Ausscheidung sowie die Flüssigkeitszufuhr. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist gerade bei älteren Menschen für eine gesunde Ernährung wichtig. Ein Mangel an Flüssigkeit kann zu Verwirrtheit oder Fehlfunktionen im Stoffwechsel führen.
Die Aufzeichnungen können bei einer genauen Diagnose helfen  und dienen als Basis für einen eventuell benötigten Blasenentleerungsplan.
Zum anderen kann ein Miktionsprotokoll während der Behandlung genutzt werden, um zu überprüfen, ob die verwendete Therapie wirkt.
Im Protokoll sollten Informationen wie die Menge und Uhrzeit der Flüssigkeitszufuhr, ob ein Harndrang verspürt wurde, die exakte Harnmenge und die Form des Harnverlusts enthalten sein.
Die Trinkmenge wird in ml gemessen und eingetragen. Gemessen werden kann entweder mit einem Becher mit Mess-Skala oder es können Angaben wie „halbe Tasse“ in das Protokoll eingetragen werden. Beim Verspüren von Harndrang wird eingetragen, ob vor dem Urinieren ein Drang zu verspüren war. Zum Messen der Harnmenge kann ein Messbecher nützlich sein. Dieser kann in den ersten Tagen als Orientierungshilfe genutzt werden, in den darauffolgenden Tagen kann man sich an die Menge richten. Der Urinverlust wird ebenfalls eingetragen. Dabei wird kontrolliert, wie feucht die Wäsche oder das Inkontinenzmaterial ist.

Mit Hilfe des 24-Stunden-Pad-Tests wird die Harnmenge ermittelt. Die Gewichtsdifferenz  einer Inkontinenzeinlage vor und nach einem Test wird über einen Zeitraum von 24 Stunden ermittelt. In dieser Zeit werden alle getragenen Einlagen gesammelt und nach Ende der Zeit gewogen und anschließend mit dem Gewicht derselben Anzahl an trockenen Einlagen verglichen.
Wenn ein Differenzwert von vier bis acht Gramm und mehr ist der Test positiv und eine Harninkontinenz liegt vor.

Bei einem Ein-Stunden Pad Test werden innerhalb von einer Stunde  verschiedene Übungen durchgeführt, die einen Harnverlust herbeiführen sollen. Dafür wird eine Einlage ausgewählt, die eine große Menge an Harn aufnehmen kann. Die trockene Einlage wird dann präzise gewogen. Im Anschluss daran werden verschiedene Stationen durchlaufen. Innerhalb von 15 Minuten soll der Patient 500 ml Flüssigkeit zu sich nehmen, dann wird die Inkontinenzeinlage eingelegt. In weiteren 15 Minuten wird der Patient gebeten zu gehen und eine Treppe hinauf und hinab zu steigen. Innerhalb der nächsten halben Stunde soll der Patient zehn Mal aufstehen und sich hinsetzen, zehn Mal kräftig husten, 1 Minute am Platz joggen und sich fünf Mal zum Boden beugen und Gegenstände aufheben. Nach den kompletten 60 Minuten wird die Einlage entnommen und abgewogen. Die Menge des Urinverlusts errechnet sich aus der Gewichtsdifferenz der Einlage nach dem Test im Gegensatz zur trockenen Einlagen.
Die Milliliter Anzahl, die innerhalb der 60 Minuten aufgenommen wurden, wird anschließend einem Schweregrad zugeordnet. Bis 10 ml Harnverlust liegt eine sporadische Inkontinenz vor, bei 10 bis 25 ml eine belastende Inkontinenz, bei 25 bis 50 ml eine schwere Inkontinenz, bei mehr als 50 ml liegt eine absolute Inkontinenz vor.

Welche Trainingsprogramme gibt es?

Bei einer Inkontinenz werden verschiedene Trainingsprogramme empfohlen: Blasentraining, Toilettentraining, Double-/Triple-Voiding und Beckenbodentraining.
Diese Trainingsprogramme verfolgen das Ziel, die Inkontinenz durch Veränderung des Ausscheidungsverhältnisses zu erreichen. Das jeweilige Training ist abhängig von der Inkontinenzform, den beeinflussenden Faktoren sowie den geistigen und körperlichen Fähigkeiten.

Wie funktioniert das Training der Blase?

Das Blasentraining kann zu einer besseren Kontrolle über die Blase führen. Die Zeitspannen zwischen den Entleerungen sollen langfristig wieder erhöht werden, angestrebt werden drei bis vier Stunden. Meistens ist es für den Patienten nicht leicht, den Harndrang zu unterdrücken, da das Verhalten sich oftmals über Jahre hinweg gezogen hat. Die Blase gewöhnt sich an die längeren Intervalle und dadurch kann der Harndrang erst später entstehen. Durch gezieltes Training wird die Blasenkapazität gesteigert und der Patient erlangt mehr Kontrolle über seinen Körper.
Blasentraining wird bei Mischinkontinenz und Harndrang eingesetzt. Wichtig ist, dass der Patient mobil ist und kognitiv dazu fähig ist, das richtige Entleerungsverhalten zu lernen.

Wie funktioniert das Toilettentraining?

Beim Toilettentraining wird der optimale Zeitpunkt für die Blasenentleerung ermittelt, um beim richtigen Zeitpunkt zur Toilette zu gehen. Durch geplante Toilettengänge wird ein Rhythmus erreicht,  der sich nach der Uhrzeit richtet. Der Patient sollte auf die Toilette gehen, bevor der Harndrang einsetzt. Damit wird ein plötzlicher Harnverlust durch rechtzeitiges Entleeren der Blase vermieden.
Toilettentraining ist bei Dranginkontinenz die richtige Wahl, da oftmals ein falsches Verhalten im Bereich der Blasenentleerung vorliegt. Die Patienten gehen sicherheitshalber besonders oft auf die Toilette. An das Gehirn werden bereits Signale gesendet, wenn die Blase wenig gefüllt ist.
Als Basis für das Toilettentraining kann ein Miktionsprotokoll (siehe oben) verwendet werden, da mit Hilfe des Protokolls ein fester Zeitplan zur Entleerung der Blase aufgesetzt wird.
Es gibt zwei Einzelmaßnahmen des Toilettentrainings. Bei festgelegten Entleerungszeiten erhält der Patient einen festen Plan mit Entleerungszeiten, den er selbstständig überwacht.
Der Patient kann oftmals durch eine eingeschränkte Mobilität oder durch eine Demenzerkrankung die Toilette nicht allein aufsuchen. In diesen Fällen ist eine Pflegekraft nötig, die den Patienten an die Entleerungszeit erinnert und Daten in das Miktionsprotokoll einträgt. Jedoch muss der Patient sehr diszipliniert sein, außerdem sollte zu dem genauen Zeitpunkt eine Toilette in der Nähe sein. Diese Maßnahme wird als angeleitete Entleerung bezeichnet.
Der Erfolg macht sich relativ schnell bemerkbar, hängt aber von der konsequenten Einhaltung der regelmäßigen Entleerungszeiten ab. Wird der Patient kontinent, erhöht sich der Zeitraum zwischen den Toilettengängen.

Wie funktioniert  Double- und Triple-Voiding?

Der Patient soll beim Double- und Triple-Voiding 10-15 Minuten, nachdem er seine Blase zuletzt entleert hat, die Toilette ein zweites oder drittes Mal aufsuchen, um dann die Blase komplett zu entleeren. Diese Maßnahme wird für Patienten empfohlen, bei denen Restharn in der Blase verbleibt.

Wie funktioniert eine reflektorische Blasenentleerung?

In seltenen Fällen kommen zwei Methoden zum Einsatz. Personen mit einer Reflexinkontinenz werden mit der sogenannten Trigger- oder Reflextechnik versorgt. Ein äußerer Reiz, z.B. ein Beklopfen der Blasenregion, animiert die Blase zur Entleerung.
Eine weitere Methode, die Cedé’sche Technik, zielt ebenfalls auf die Blasenentleerung. Der Patient oder eine Betreuungsperson lösen durch Druck auf den Unterbauch das Entleeren der Blase aus.
Die beiden Methoden dürfen nur unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden, da sie zu Nierenschädigungen führen können.

Wie funktioniert Beckenbodentraining?

Der Beckenboden schließt den Bauchraum nach unten ab und bildet eine Schlinge um die Becken- und Bauchorgane um diese zu halten. Auf dem Beckenboden lastet ständig Druck, den nur ein stabiler Beckenboden halten kann.
Er öffnet die Harnröhre beim Urinieren und verschließt sie wieder. Damit die Harnröhre sich nicht z.B. beim Lachen oder Husten öffnet, muss auch hier der Beckenboden kräftig sein.
Nach Geburten, mit höherem Alter, durch verringerte Aktivitäten und Übergewicht verlieren die Muskeln an Elastizität. Dies führt zu einem Absinken der Beckenorgane sowie einem schwächeren Harnröhrenschließmuskel.  Durch Übungen und gezieltes Training kann die Elastizität wiederhergestellt bzw. verstärkt werden.
Allgemein sollte Beckenbodentraining nur mit Hilfe von fachlichem Personal ausgeübt werden. Relevant ist das Einüben von Bewegungen, die man im Alltag durchführt. Krummes Sitzen oder falsches Bücken belasten den Beckenboden unnötig. Um eine Belastung zu vermeiden, sollten die Patienten beim Husten nach oben schauen oder über die Schulter abhusten. Das führt zu einer aufrechten Wirbelsäule und der Hustendruck wird nicht direkt auf Darm und Blase weitergeleitet. Beckenbodentraining wird bei Frauen mit Belastungsinkontinenz oder nach mehreren Operationen angewendet. Bei Männern kommt das Training nach einer Prostataoperation zum Einsatz. Auch bei Dranginkontinenz kann Beckenbodentraining hilfreich sein. Geübt sollte vor allem in der aufrechten Körperhaltung, da der Beckenboden meist dort aktiv ist.

Welches Hilfsmittel kann beim Beckenbodentraining verwendet werden?

Zur Unterstützung des Beckenbodentrainings können Vaginalkonen eingesetzt werden, die in verschiedenen Gewichten erhältlich sind und aus Kunststoff bestehen. Die Patientin spannt die Beckenbodenmuskulatur an, da sich der Kegel anfühlt, als würde er wieder hinausfallen.
Für das Training wird der Kegel zwei Mal täglich für 10 Minuten eingesetzt, die Patientin kann ihre Tätigkeiten im Alltag normal weiterführen. Ein regelmäßiges Training kann dazu führen, dass sich die Inkontinenz um 60% verbessert.

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